Energiewende
Stand: Juli 2005
Energiewende und erneuerbare Energien
Die Energiewende muss weitergehen, denn noch immer weist unser deutsches
Energiesystem zahlreiche Nachhaltigkeitsdefizite auf, insbesondere im ökologischen
Bereich:
Treibhauseffekt und Schadstoffe
Das jetzige Energiesystem belastet unsere Atmosphäre, Böden und Gewässer mit
Schadstoffen und Treibhausgasen. Noch immer werden mehr als 80 Prozent des
deutschen Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen gedeckt. Jedes in Kohle, Gas
oder Öl vorhandene Kohlenstoffatom wird bei der Verbrennung der Energieträger in
das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) umgewandelt.
Es ist inzwischen wissenschaftlich gesichert, dass die Klimaerwärmung bereits
stattfindet und dass sie zumindest teilweise vom Menschen verursacht wurde und
wird. Seit 1750 ist die CO2-Konzentration der Atmosphäre um 31 % auf ca. 370 ppm
gestiegen und hat damit vermutlich das höchste Niveau innerhalb der letzten 20 Mio.
Jahre erreicht. Über ein Viertel dieser Konzentrationszunahme fällt dabei auf die
letzten beiden Jahrzehnte. Das ist beispiellos zumindest für die letzten 20.000 Jahre!
Damit verbunden sind Veränderungen im globalen Klimasystem: Der Meeresspiegel
steigt an, Gletscher schmelzen weltweit ab, der Wasserkreislauf wird verstärkt, was
zu extremeren Niederschlägen führt. Der Klimawandel beeinträchtigt die natürliche
und menschliche Lebenswelt ganz erheblich - irreversible Schäden an unserem
Naturerbe, Verluste bei der landwirtschaftlichen Produktion und der Artenvielfalt,
Wassermangel, Gesundheitsfolgen, aber auch häufigere extreme Wetterlagen sind
die Folge. Der Klimawandel wird für den Menschen nur dann erträglich bleiben, wenn
die durchschnittliche globale Erwärmung bis zur Mitte des Jahrhunderts 2°Celsius
gegenüber vorindustriellen Zeiten nicht überschreitet. Um dies zu erreichen, müssen
Industrieländer wie Deutschland ihren Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb
weniger Dekaden um bis zu 80 % verringern.
Auch die Emissionen anderer Schadstoffe – Stick- und Schwefeloxide, flüchtige
Kohlenwasserstoffe, Partikel, Schwermetalle, persistente organische Schadstoffe,
radioaktive Substanzen und andere – stammen zu einem Großteil aus der
Bereitstellung von Kraft, Licht und Wärme.
Der Verbrauch endlicher Ressourcen
Sowohl Öl, Gas und Kohle als auch Uran stehen weltweit nur in begrenztem Umfang
zur Verfügung. Die Menschheit verbraucht derzeit in einem Jahr soviel der fossilen
Energieträger, wie sich in 500.000 Jahren gebildet hat. Früher oder später stehen
uns diese Ressourcen also nicht mehr zur Verfügung. So werden derzeit die
Reichweiten für Öl mit 46 Jahren, für Gas mit 66 Jahren und für Uran mit 38-49
Jahren angegeben. Damit auch die Generation unserer Enkel noch auf Energievorräte
zugreifen können, müssen wir also heute schon sorgsam damit umgehen. Dies ist
umso wichtiger, als andere Regionen dieser Welt einen enormen energetischen
Nachholbedarf haben. Der Bedarf an Energierohstoffen in China, Indien und Afrika
beispielsweise ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen.
Stand: Juli 2005
Entscheidend ist auch, zu welchem Zeitpunkt die Nachfrage nach diesen
Energieträgern das aktuelle Angebot überschreitet. Dann nämlich steigt deren Preis.
Dieser Zeitpunkt wird zumindest bei Öl schon bald erreicht sein. Der seit Mitte/Ende
2004 stark gestiegene Ölpreis deutet dies an.
Die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen ist aber noch aus einem weiteren Grund
problematisch. Denn die Energievorräte konzentrieren sich auf wenige, häufig
geopolitisch unsichere Regionen. Die derzeitige Abhängigkeit quasi aller Staaten der
Erde vor allem von Öl und Gas kann Grund oder Ursache für Konflikte und Gewalt
werden. Wenn der Bedarf an fossilen Energieträgern durch die Energiewende sinkt,
wird die Abhängigkeit von Ländern aus diesen unsicheren Regionen und das daraus
folgende Sicherheitsrisiko gesenkt.
Die Risiken der atomaren Energiebereitstellung
Die Nutzung der Atomenergie ist nicht verantwortbar. Nicht zuletzt der Reaktorunfall
in Tschernobyl im Jahr 1986 hat dies deutlich gemacht. Das latente Risiko einer
Atomkraftwerkskatastrophe kann nicht vollständig ausgeschlossen werden – auch
nicht durch hohe Sicherheitsstandards, und damit auch nicht in Deutschland. Ein
Problem, das nach wie vor weltweit ungelöst ist, ist die Entsorgung des radioaktiven
Abfalls. Radioaktiver Abfall von Atomkraftwerken ist noch Millionen Jahre
strahlungsaktiv. Ein gefährliches Erbe, das wir zukünftigen Generationen heute
überlassen.
Atomanlagen wie Atomkraftwerke, Zwischenlager, Aufbereitungsanlagen etc. und
Transporte von Atommüll und -material vollständig vor Terroranschlägen zu sichern
ist eine große Herausforderung. Auch durch den atomaren „Kreislauf“ wächst die
Gefahr, dass Atommaterial zur offiziellen oder inoffiziellen Herstellung von echten
oder sogenannten „dreckigen“ Atombomben verwendet wird. Der Verzicht auf die
Atomkraft senkt diese Gefahr.
Zudem sind die Uranerzvorkommen begrenzt – Atomkraftwerken geht langfristig die
Kraft aus, solange wir nicht auf die hochproblematische Schnelle Brüter-Technologie
umsteigen. Es ist offensichtlich, dass die Nutzung von Kernenergie nicht mit den
Zielsetzungen einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar ist.
Die Umweltschäden des Ressourcenabbaus
Nicht nur durch die Verbrennung, auch durch Abbau, Aufbereitung und Transport
von Kohle, Gas und Öl wird die Umwelt ständig und dauerhaft geschädigt: durch
abgebaggerte Landschaften beim Braunkohletagebau, durch Grundwasserabsenkung
beim Untertageabbau, durch über 400 Ölplattformen in der Nordsee, Tankerunfälle
etc.
Die Säulen der Energiewende
Die Energiewende umfasst ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die – miteinander
abgestimmt – an allen neuralgischen Punkten des Energiesystems ansetzen.
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Steigerung der Energieeffizienz
Ganz besonders wichtig ist die Senkung unseres Bedarfs an Energierohstoffen. Dazu
müssen alle Sektoren beitragen: Industrie und Gewerbebetriebe, Energiewirtschaft,
Verkehr und Haushalte. Die Effizienzpotentiale sind riesig, bei weitem noch nicht
ausgeschöpft und können ohne Verlust des Lebensstandards umgesetzt werden.
Stromerzeugungsanlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung beispielsweise nutzen auch die
Abwärme von Kraftwerken und sind daher mehr als doppelt so effizient wie
konventionelle Kraftwerke. Auch in der Kraftwerkstechnik hat sich einiges getan. Ein
modernes Kohlekraftwerk hat heute einen Wirkungsgrad von über 43%. In den
1970er Jahren waren es lediglich 35%. Noch heute gibt es zahlreiche Kraftwerke,
deren Wirkungsgrad deutlich unter 35% liegen. Durch die Wärmedämmung des
Altbaubestandes und innovative Konzepte für Neubauten kann der gesamte
Heizenergiebedarf in Deutschland mehr als halbiert werden. Auch im Verkehrsbereich
gibt es viel Optimierungsspielraum: Während der derzeitige durchschnittliche
Benzinverbrauch von PKW in Deutschland bei rund 8 Litern pro Kilometer liegt, ist es
technisch schon jetzt kein Problem, PKW mit einem Verbrauch von unter 3 Litern
Benzin pro Kilometer zu bauen – bei vernünftigen Leistungen und höchstem
Sicherheitsstandard.
Eine Steigerung der Energieeffizienz ist nicht nur umweltpolitisch geboten. In vielen
Fällen ist sie auch kostengünstiger als die Deckung des zusätzlichen Bedarf an
Energie.
Energieeinsparung
Technik alleine hilft nicht, wenn die Menschen nicht mitmachen! Beispielsweise
müssen wir in Deutschland nach wie vor zwei Großkraftwerke betreiben, um den
Strom für elektrische Geräte zu produzieren, die im Stand-by-Modus betriebenen
werden, obwohl sie auch ganz ausgeschaltet werden könnten. Wenn Gebäude
beheizt werden, während die Fenster langfristig geöffnet sind, oder beim Spülen
unnötig ständig heißes Wasser läuft, verschwenden wir viel Energie und damit auch
Geld.
Auch der Umfang der Nutzung beispielsweise von Produkten, deren Produktion
besonders viel Energie benötigt, kann auf den Prüfstand gestellt werden. Das heißt
nicht Verzicht auf Lebensqualität. Im Gegenteil: ein bewusstes und reflektiertes
Verhalten führt auch zu einem neuen Verständnis unserer Umwelt.
Mehr erneuerbare Energien und Brennstoffsubstitution
Die Energiequellen der Zukunft sind die natürlichen Energieströme der
Solarstrahlung, die Kraft der Gezeiten und die Wärme aus dem Inneren unseres
Erdballs. In diesen „Brennstoffen“ steckt kein fossiles Kohlenstoffatom. Zwar
verbraucht auch die Herstellung der Anlagen und die Bereitstellung der Brennstoffe
Energie, beispielsweise der Stahl für das Windrad oder der Traktor für den biogenen
Brennstoff, aber die Energie- und Ökobilanz aller erneuerbarer Energieträger ist
extrem positiv.
Stand: Juli 2005
In nur rund 10 Monaten hat ein Windrad die Energie wieder eingespielt, die seine
Herstellung gekostet hat. Sonnenkollektoren nach ein bis zwei Jahren. Ein fossiles
Kraftwerk oder ein Ölkessel hingegen rechnen sich nie energetisch, weil man immer
mehr Energie in Form von fossilen oder nuklearen Brennstoffen hineinstecken muss,
als hinterher genutzt werden kann.
Die Potenziale für die erneuerbaren Energien sind da. Sie stehen dauerhaft zur
Verfügung und können in Einklang mit den Anforderungen von Natur- und
Landschaftsschutz genutzt werden. Sie machen uns unabhängiger von fossilen und
nuklearen Energiequellen, deren Preisentwicklung kaum von uns beeinflussbar ist
und von denen wir wissen, dass sie irgendwann aufgebraucht sein werden. Da die
erneuerbaren Energiesysteme – bis auf Biomasse – ohne Brennstoffe auskommen,
sind deren Kosten auch für die Zukunft sehr gut abzuschätzen: im Gegensatz zu den
fossilen und nuklearen werden die erneuerbaren Energien jedes Jahr günstiger.
Der Anteil der umweltverträglichen und ressourcenschonenden erneuerbaren
Energien am gesamten Energieverbrauch in Deutschland ist mit derzeit rund 3,6 %
noch immer klein. Aber er steigt, und die Potenziale sind groß. Im Strombereich hat
sich der Anteil der erneuerbaren Energien seit 1998 von knapp fünf Prozent auf
inzwischen fast 10 Prozent mehr als verdoppelt. Das Ziel der Bundesregierung ist es,
den Beitrag erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2010 auf mindestens
12,5%, bis 2020 auf mindestens 20% zu steigern. Auch im Wärmemarkt und
mittelfristig im Verkehrssektor müssen erneuerbare Energien verstärkt zum Einsatz
kommen.
Studien belegen, dass dies möglich ist und bis zur Mitte des Jahrhunderts rund die
Hälfte des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland mit erneuerbaren Energien
gedeckt werden kann. Auch Energiekonzerne wie Shell und BP/AMOCO nehmen die
Erneuerbaren ernst und streben einen weltweiten Anteil dieser Energieträger von
50% innerhalb der kommenden 50 bis 60 Jahre an! Um dies zu erreichen, muss die
Nutzung der erneuerbaren Energien in allen Bereichen deutlich zunehmen.
Darüber hinaus gilt es, den Atomausstieg umzusetzen und innerhalb der fossilen
Energieträger dem vergleichsweise klimafreundlichen Erdgas gegenüber der (Braun-
)Kohle schrittweise und langfristig eine größere Rolle zukommen zu lassen.
Doppelter Nutzen für Umwelt und Wirtschaft
Mit allen drei Elementen der Energiewende, d. h. der deutlichen Verringerung des
Energieverbrauches durch mehr Energieeffizienz und Energiesparen und dem
massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, ist es möglich, zwei große
umweltpolitische Ziele zu erreichen: bis Anfang der 20er Jahre vollständig auf die
Nutzung der Kernenergie zu verzichten und dennoch bis zur Mitte des Jahrhunderts
die Emission von Treibhausgasen auf 20% im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Dies
ist nötig, damit der Klimawandel für den Menschen „erträglich“ bleibt. Wie die
Energiewende konkret aussehen kann, zeigt beispielsweise die BMU-Studie
„Optimierter Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland“ (hier).
Diese Studie macht auch deutlich: die Klimaschutzziele können nur erreicht werden,
wenn sowohl der Energieverbrauch gesenkt als auch die erneuerbaren Energien
ausgebaut werden. Und die Ziele beim Anteil der erneuerbaren Energien am
Stand: Juli 2005
Energieverbrauch können nur erreicht werden, wenn gleichzeitig der
Energieverbrauch gesenkt wird.
Doch nicht nur die Umwelt profitiert von der Energiewende. Auch die Wirtschaft ist
ein Gewinner. Denn erneuerbare Energien sind heimische Energien. Wir nutzen den
Wind, der in Deutschland weht, und die Energie, die Sonne, Wasser und Erdwärme
bei uns vor Ort bieten. Auch die Biomasse, die wir zur Energieversorgung verwenden
werden, wird vor allem aus Deutschland stammen. Damit schaffen wir neue lokale
Wirtschaftskreisläufe, Umsatz und damit Arbeitsplätze zu Hause. Schrittweise können
wir die finanziellen Mittel, die bislang in Öl, Gas und Kohle exportierenden Länder
fließen, in Wertschöpfung vor Ort verwandeln. Dadurch entstehen Arbeitsplätze. So
haben Studien ergeben, dass die Nutzung beispielsweise von Biokraftstoffen etwa 50
mal mehr Arbeitsplätze in Deutschland schafft bzw. erhält als die Nutzung von
Mineralöl. Schon heute (Ende 2004) sind 130.000 Arbeitsplätze durch erneuerbare
Energien gesichert. Diese Arbeitsplätze entstehen auch und gerade dort, wo sie
besonders gebraucht werden: beispielsweise in den Küstenregionen, in denen für die
Werften durch den Bau von Windkraftanlagen ein neuer Arbeitsbereich entstanden
ist, im ländlichen Bereich, in denen Landwirte sich durch die Produktion von Energie
ein weiteres Standbein aufbauen, oder in der lokalen Bau- und Solarwirtschaft.
Da und solange Deutschland Vorreiter im Bereich erneuerbare Energien ist, sichern
wir uns zudem einen zukunftsträchtigen Exportmarkt. Deutschland genießt einen
guten Ruf bei den Techniken zur Nutzung der erneuerbaren Energien. Die Exporte
weisen hohe Wachstumsraten auf.
Längerfristig werden wir auch auf die erneuerbaren Energieressourcen aus den
sonnenreichen Regionen dieser Welt zurückgreifen. Vor allem der Stromimport
beispielsweise aus Nordafrika nach Europa bietet enorme Potenziale. Solarthermische
Kraftwerke könnten dort preiswert Strom erzeugen. Der Import mit
Gleichstromkabeln nach Europa ist technisch problemlos und wirtschaftlich machbar.
Der Reiz an dieser neuen Form des Energieimportes ist, dass alle sonnenreichen
Länder, und nicht mehr nur die wenigen Öl- und Gasförderstaaten, zu begehrten
Energielieferanten werden können.
Damit die Weichen rechtzeitig in Richtung einer nachhaltigen Energieversorgung
gestellt sind, müssen wir jetzt handeln. Denn der Umbau eines Energiesystems
braucht Zeit. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren wichtige Schritte
eingeleitet. Jetzt geht es darum, den Pfad einer auf der effizienten und sparsamen
Nutzung erneuerbarer Energien aufbauenden Energiewirtschaft konsequent
weiterzugehen.
Quelle bmu
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